mit einem Massband und einem Symbol wird die Frage gestellt, ob Nachhaltigkeit messbar ist.

Nachhaltigkeit einfach messbar machen

Geschätzte Lesedauer: 7 Minuten

Ist Nachhaltigkeit messbar?

Um es vorweg zu nehmen: Ja, Nachhaltigkeit ist messbar. Doch auf dem Weg dahin müssen einige Dinge bedacht, durchdacht und bewertet werden.

Was bedeutet Nachhaltigkeit?

Zunächst einmal sollten wir uns der Bedeutung des Begriffs Nachhaltigkeit bewusst werden. Mir gefällt dabei die sogenannte Brundtland-Definition sehr gut, die folgendermaßen lautet:

Nachhaltig ist eine Entwicklung, “… die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen …”

Nachhaltigkeit bringt Unternehmen und Organisationen viele, vor allem längerfristige Vorteile. Sie kann die Lösung für viele Fragen und Probleme in einer immer komplexeren Welt sein, da eine nachhaltig agierende Organisationen systembedingt oft stabiler und zukunftsfähiger wirtschaften. Nachhaltigkeit ist ein starker Baustein für dauerhaften wirtschaftlichen Erfolg, eine intakte Umwelt und eine innovative Entwicklung.

Dimensionen der Nachhaltigkeit

Das System der Nachhaltigkeit hat drei Dimensionen – die ökonomische, die sozial / gesellschaftliche und die ökologische Dimension. Zusammen mit den Steuerinstrumenten des Nachhaltigkeitsmanagements bilden sie den ‘Tempel der Nachhaltigkeit‘.

das Bild zeigt das System Nachhaltigkeit als klassischen Tempel. Er besteht aus den drei Dimensionen Ökologie, Ökonomie und Soziales, sowie dem Dach des Nachhaltigkeitsmanagements.
Der „Tempel der Nachhaltigkeit“

Nachhaltigkeit ist meiner Überzeugung nach ein zentraler Schlüssel zum Erfolg, sowohl im beruflichen als auch im privaten Umfeld. Sie bedeutet den bewussten, gezielten und gleichzeitigen Einsatz aller drei Dimensionen. Das ist auch schon das ganze Geheimnis. Werden beispielsweise in einem Projekt

  • die ökonomischen Erfordernisse für eine gesunde wirtschaftliche Entwicklung,
  • die Bedürfnisse und Sorgen der beteiligten Menschen und
  • die ökologischen Auswirkungen auf die Umwelt

in die Balance gebracht bzw. gleichwertig berücksichtigt, ist das eine hervorragende Basis für den Projekterfolg. Oft fehlt jedoch das richtige Instrumentarium um den erreichten Grad der Nachhaltigkeit einer Organisation zu messen. Messbarkeit ist aber die Voraussetzung dafür, um mithilfe von Kriterien und Indikatoren die Wirksamkeit von Maßnahmen objektiv bewerten und Abläufe kontinuierlich zu optimieren.

Messlatte und Leitplanke ISO 26000

Nachhaltigkeit messbar machen, dafür ist für mich die ISO 26000 – der Leitfaden zur gesellschaftlichen Verantwortung (Guidance on Social Responsibility) – eine der wichtigsten Grundlagen.

Die ISO 26000 basiert auf Grundlage eines Multi-Stakeholder-Ansatzes aus dem Jahr 2010. Fachleute aus mehr als 90 Ländern und internationalen und regionalen Organisationen aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen wirkten daran mit. Vertreten waren die Anspruchsgruppen Wirtschaft, Nichtregierungsorganisationen (NGO), Konsumenten, Erwerbstätige, Dienstleistung, Beratung, Forschung und Wissenschaft.

Jede Organisation wird darin ermutigt, verstärkt gesellschaftliche Verantwortung in allen drei Dimensionen der Nachhaltigkeit wahrzunehmen. Die Kernthemen wie Organisationsführung, Menschenrechte, Arbeitspraktiken, Umwelt, faire Betriebs- und Geschäftspraktiken, Konsumentenanliegen und die Einbindung und Entwicklung der Gemeinschaft werden in 38 Handlungsfeldern beschrieben. Anschließend werden für jedes Handlungsfeld entsprechende Maßnahmen und Erwartungen beschrieben, von denen jede Organisation das für sie passende verwenden kann (eine Orientierungshilfe für Kernthemen und Handlungsfelder der ISO 26000 ist auf der Homepage des BMUB zu finden).

Für mich als Nachhaltigkeitsmanager und Projektleiter ist dieser “Leitfaden zur gesellschaftlichen Verantwortung” ein unverzichtbarer Teil meiner täglichen Arbeit.

Wichtiger Hinweis zur Anwendung

Es gibt jedoch bei der Anwendung der ISO 26000 in kleines Manko. Diese internationale Norm soll dem Anwender zur Orientierung dienen. Sie ist ausdrücklich nicht für direkte Zertifizierungszwecke vorgesehen:

“… Es wäre eine Fehlinterpretation der Absicht und des Zwecks dieser Internationalen Norm, Zertifizierungen gemäß ISO 26000 anzubieten bzw. zu behaupten, gemäß ISO 26000 zertifiziert zu sein.”

Nun ist die ISO 26000 leider nicht für eine Nachhaltigkeits-Zertifizierung geeignet, zumindest nicht direkt. Dennoch kann sich jede Organisation aus den beschriebenen Kernthemen und Handlungsfeldern die passenden Kriterien herausgreifen, um ein strukturiertes, internes Bewertungssystem aufzubauen.

Doch wie geht man da am Besten vor?

Kriterien definieren

Nun, zunächst einmal sollten die Kriterien definiert werden, anhand Nachhaltigkeit in einer Organisation messbar wird. Es bietet sich an, anhand dem obigen Übersichtsbild fünf Inhaltsgruppen zu bilden und den Grad der Erfüllung der dort enthaltenen Inhalte aus der ISO 26000 als Kriterium für Nachhaltigkeit zu verwenden. Dabei können die einzelnen Kernthemen und Handlungsfelder aus der ISO 26000 passend für die jeweilige Organisation aufgenommen werden.

Für die fünf Inhaltsgruppen ergäbe sich somit folgende Gliederung:

  1. Gesellschaftliche Verantwortung
  2. Ökonomische Dimension der Nachhaltigkeit
  3. Soziale Dimension der Nachhaltigkeit
  4. Ökologische Dimension der Nachhaltigkeit
  5. Nachhaltigkeitsmanagement

Hierzu ein Beispiel: In der Inhaltsgruppe 4, Kernthema “Abschwächung des Klimawandels und Anpassung”, Handlungsfeld “Energieeinsparung” könnten die eingeleiteten und geplanten Maßnahmen der Organisation zur Energieeinsparung und zur Erhöhung der Energieeffizienz in MWh pro Jahr abgefragt werden. Der relative Wert und der Fortschritt bei diesen Maßnahmen über die Jahre kann dann als Nachhaltigkeitskriterium verwendet werden.

Indikatoren und Kennzahlen als Messgrößen (KPIs)

Um das Erreichte einzuordnen dienen Indikatoren, ein sogenannter Key Performance Indicator (KPI) bzw. eine Leistungskennzahl. Ein KPI kann als Quotient aus Maßnahmen und einer geeigneten Bezugsgröße gebildet werden. Um bei unserem Beispiel Energieeffizienz zu bleiben, könnte hier ein geeigneter KPI der Quotient aus Energieverbrauch  (Strom, Wärme, Gas, usw.) und Mitarbeiterzahl gebildet werden, z.B. ein mittelständisches Unternehmen mit 40 Mitarbeitern und einem Jahresstromverbrauch von 200MWh käme dann auf einen KPI von 5.000 kWh pro Mitarbeiter und Jahr. Daran kann in den Folgejahren gearbeitet werden!

Allerdings sollte bei der Bildung von KPIs immer auf deren Sinnhaftigkeit geachtet werden. Ein KPI aus Stromverbrauch in Relation zum Jahresumsatz würde in unserem Beispiel wohl kaum Sinn machen.

So wird Nachhaltigkeit messbar

Um Nachhaltigkeit messbar machen, können unterschiedliche Wege beschritten werden. Für mich ist jedoch die Überführung der Inhalte aus der ISO 26000 in ein umfassendes und transparentes, internes Bewertungssystem ein sehr strukturierter Ansatz.

Wer diesen internen Aufwand nicht betreiben möchte, kann auf bestehende Prüf- und Zertifizierungsansätze am Markt zurückgreifen.

Man muss zudem nicht das gesamte Unternehmen sofort in einem Schritt betrachten – auch ein schrittweiser Beginn in einzelnen Bereichen (z. B. im Projektmanagement) ist möglich. Entscheidend ist die dauerhafte Integration der Prinzipien, um eine echte, nachhaltige Unternehmensführung zu verankern.

Ergänzender Standard – Lieferkettengesetz (LkSG)

Betroffene Unternehmen müssen ihre unternehmerische Sorgfaltspflicht entlang der Lieferkette nachweisen, Risiken analysieren, Beschwerdeverfahren einrichten und transparent berichten.

Ergänzender Standard – VER (Verified Emission Reduction)

Klimaschutz ist ein zentraler Teil der ökologischen Säule. Die Reduktion von Treibhausgasen lässt sich über CO2-Äquivalente exakt messen und durch unabhängige Stellen verifizieren.

Die Dimensionen der Nachhaltigkeit sind vielfältig – entscheidend ist, dass man schrittweise damit beginnt, Maßnahmen in der Praxis umzusetzen. Erst folgt die Tat, daraus resultiert messbare Nachhaltigkeit.

Fazit

Nachhaltigkeit lässt sich messen, bewerten und als wertvolles Instrument zur Unternehmenssteuerung einsetzen. Ein strukturierter Ansatz dokumentiert den erreichten Status und unterstützt die kontinuierliche Optimierung im Betrieb.

Newsletter

Mit meinem Newsletter informiere ich wöchentlich mein Netzwerk über interessante Entwicklungen und Neuigkeiten im Bereich Nachhaltigkeit.

mehr zum Thema: Der Energiepfad zur Nachhaltigkeit


Michael Wühle

Michael Wühle ist Experte für Nachhaltigkeit. Er schreibt Artikel und Sachbücher zur praktischen Anwendung von Nachhaltigkeit im beruflichen und privaten Leben. Sein Expertenwissen gibt er gerne in Seminaren und Workshops weiter. Unternehmen unterstützt er bei der Transformation zu Nachhaltigkeit und CO2-Neutralität.

das Profilbild von Michael Wühle, Experte für Nachhaltigkeit und Energieeffizienz
Michael Wühle

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Nachhaltigkeit messbar machen – Tipps und Tricks aus der Praxis

Das Cover des Buchs 'Nachhaltigkeit messbar machen', ein Sachbuch des Nachhaltigkeits-Experten Michael Wühle. Erschienen im Springer-Verlag 2022

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